HBG Karlsruhe: Scheffelpreisrede von Till Neumann

Wenn man Menschen fragt, was sie jeden Tag brauchen, dann sind die meisten Antworten wahrscheinlich nicht überraschend. Es wird sich oft um Alltagsgegenstände handeln: Fahrrad, Telefon, Auto, Kleidung, Geld. Aber keines dieser Dinge brauchen wir so sehr und vor allem so oft wie die Sprache. Sie kommt einem zwar nicht als Erstes in den Sinn, doch Sprache, egal in welcher Form, begleitet uns tagtäglich. So auch am heutigen Abend, einige Reden und Ansprachen haben wir schließlich schon gehört.

Liebe Zwölfer, liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Eltern, Verwandte, Freunde und Gäste,
der Scheffel-Preis fördert seit 1928 das Interesse an Literatur. Die Freude an der Sprache zu wecken, ist der Beitrag, den diese Auszeichnung leistet.
Ob wir sprechen, reden, berichten, erzählen oder mitteilen, plappern, schnattern, quasseln, labern oder faseln, kommentieren, skandieren, rezitieren oder deklamieren, quatschen, plaudern, schwatzen oder tratschen – letztendlich tun wir nur eines: Wir benutzen Sprache. Selbst wenn wir nicht sprechen, sprechen wir. Es macht einen Unterschied, ob wir schlurfen oder stolzieren, thronen oder kauern, zwinkern oder blinzeln, lächeln oder grinsen. Die Körpersprache ist mindestens ebenso wichtig wie das, was wir sagen.
Doch was bedeutet Sprache für uns? Mathematik und Naturwissenschaften bedeuten Fortschritt, Geschichte bedeutet Vergangenheit, Politik bedeutet Geschichte der Gegenwart, Religion bedeutet Glaube, Musik und Kunst bedeuten Genuss – und Sprache? Sie verbindet all die, die sie beherrschen, auf irgendeine Weise. Und sie ist die Grundlage für alles, was wir tun und womit wir uns beschäftigen. Wer eine Sprache lernt, lernt, zu denken wie die, die sie sprechen. Das ist bei der Muttersprache so, und es ist bei Fremdsprachen so. Sprache bedeutet Verstehen, Verstehen nicht nur des inhaltlich Gesagten, Verstehen auch des Hintergrundes vom Gesagten – diesen Hintergrund nennen wir Kultur.
Um das zu erklären, möchte ich in den Nordosten Australiens blicken, nach Hopevale. In der Sprache der dort lebenden Aborigine-Gemeinde gibt es keine relativen räumlichen Beschreibungen. Links, rechts, vor, hinter, neben – diese Bezeichnungen existieren nicht. Man sagt nicht: „Ich sitze links neben dir.“ Stattdessen verwendet man absolute Beschreibungen nach Himmelsrichtungen. Man sagt zum Beispiel: „Ich sitze südöstlich von dir.“ Oder: „Der Gegenstand, den du suchst, liegt im nördlichen Schrank des westlichen Zimmers in deinem Haus.“ Es muss sich um ein sehr friedfertiges und einträchtiges Volk handeln, wenn es seinen Angehörigen nicht einmal möglich ist, hinter dem Rücken einer Person über diese zu lästern oder jemanden vor den Kopf zu stoßen.
Im Ernst: Diese Besonderheit weist auf die Geschichte der Ureinwohner Australiens hin, auf ihre Kultur und ihre Tradition. Wer ursprünglich und in der Natur lebt, muss sich jederzeit orientieren können. Orientierung ist lebensnotwendig, daher der eingebaute Sprachkompass. In der Sprache drücken sich Kultur und Lebensstil, Ansichten und Prioritäten ihrer Sprecher aus. Das Denken beeinflusst demnach die Sprache. Und anders herum? Beeinflusst auch die Sprache unser Denken?
George Orwell hat in seinem berühmten Roman „1984“ eine düstere Zukunftsvision gezeichnet: Ein totalitärer Überwachungsstaat zwingt seinen Bürgern „Neusprech“ auf, eine Sprache mit stark reduziertem Wortschatz, die es nicht mehr ermöglicht, differenziert und selbstständig zu denken. Wer denkt schon an Widerstand, Protest, Aufstand oder Rebellion, wenn es diese Wörter gar nicht gibt? Ganz so weit ist es auch bis heute nicht gekommen, trotzdem ein interessanter Gedanke. Zumal es tatsächlich Wörter gibt, die man nicht direkt in andere Sprachen übersetzen kann.
„Iktsuarpok“, nennen die Inuit am nördlichen Polarkreis die aufsteigende Ungeduld beim Warten auf jemanden, die einen dazu veranlasst, immer wieder vor die Tür zu gehen, um nachzuschauen, ob derjenige endlich auftaucht. Beim Volksstamm der Yagan aus Feuerland gibt es eine Bezeichnung für den Blickwechsel zwischen zwei Menschen, die sich beide wünschen, dass der jeweils andere den ersten Schritt macht: „Mamihlapinatapai“. Und auf Hawaii sagt man „Pana Po’o“, wenn man beschreiben will, wie sich jemand am Kopf kratzt, um sich an etwas zu erinnern, das er vergessen hat.
Auch bei uns gibt es nervöse Wartende, schüchterne Verliebte und kratzende Vergessliche. Wir alle kennen diese Gefühle, aber wir können sie nur umschreiben, nicht präzise und mit einem Wort benennen. Das können wir erst, wenn wir uns mit Sprache beschäftigen, wenn wir Fremdsprachen lernen oder uns mit unserer eigenen Sprache auseinandersetzen. Sprache ist keine Droge, trotzdem wirkt sie bewusstseinserweiternd. Je öfter und intensiver wir zuhören und sprechen, lesen und schreiben, desto präziser und treffender können wir uns ausdrücken, desto genauer und umfassender verstehen wir die Welt.
Was Philosophen sagen, ist oft nicht einfach zu verstehen, denn zum einen denken sie komplex und zum anderen können sie sehr gut mit Sprache umgehen. Beides hängt miteinander zusammen. Was der Philosoph Ludwig Wittgenstein Anfang des 20. Jahrhunderts sagte, ist aber, wie ich finde, sehr verständlich und sehr richtig: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Immer, wenn wir mit Sprache in Berührung kommen, verschieben sich diese Grenzen ein Stück weiter nach außen.
Wenn Wittgenstein „Welt“ sagt, dann meint er eine geistige Welt, eine Ideenwelt. Trotzdem führt uns das zum Beginn zurück: Mathematik und Naturwissenschaften erklären die Gesetze der Welt, Geschichte erklärt, was die Welt zu dem gemacht hat, was sie heute ist, Politik erklärt, wie wir die Welt verändern, Religion erklärt, dass das Weltliche nicht alles ist, und Musik und Kunst erklären, wie man die Welt darstellen kann – und Sprache? Sprache vergrößert die Welt. Nicht die wirkliche Welt, zugegeben, aber unsere persönliche Gedankenwelt. Und sobald wir ein wirklich gutes Buch lesen, merken wir, wie aneinandergereihte Buchstaben sogar ganz neue Welten in unserem Kopf entstehen lassen können.
Letztlich ist Sprache auch ein Teil unserer Heimat, ein Teil des Begriffes, über den wir schon etwas gehört haben. Für uns Schüler ist in den vergangenen acht Jahren darüber hinaus das Heisenberg-Gymnasium Teil unserer Heimat gewesen. In Zukunft werden wir uns nach einem Ersatz umsehen müssen, aber die Schulzeit mit Euch und Ihnen allen war, wie so oft betont wird, tatsächlich die „schönste Zeit des Lebens“ – zumindest bis jetzt. Vielen Dank!
Scheffel

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