Frischmilch vom Flachdach

Neuntklässlerin gewinnt Schreibwettbewerb des HBG Bruchsal

Bruchsal (Bn). „Wie kommen zwei Kühe auf ein Hausdach?“ Zwei Stunden hatten die zwölf für den diesjährigen Schreibwettbewerb des Heisenberg-Gymnasiums Bruchsal ausgewählten Schülerinnen und Schüler der Klassen 7 bis 9, um diese Frage nicht einfach nur zu klären, sondern eine kreative Geschichte dazu zu verfassen, die die Jury, bestehend aus drei Deutschlehrkräften (Daje Casjens, Daniel Wurth, Gudrun Baumann) sowie der Schulleitung (Manuel Sexauer und Andreas Lang), überzeugen sollte. Grundlage für die Geschichte und Denkimpuls für die Schüler und Schülerinnen war das Bild „Der Besuch der Kühe“ von Quint Buchholz. So besonders dieses Bild ist, so besonders gestalteten sich auch die Geschichten, die die Schüler und Schülerinnen dazu verfassten. Ganz besonders gefiel der Jury in diesem Jahr der Text „Herr Simmels kleines Paradies in der Vorstadt“ von Maja Hermes (9d), die in liebevoller Charakterzeichnung einen Protagonisten erfand, der seine Nachbarschaft in der Vorstadt mit seinem grünen Daumen und seiner Vorliebe für Schwarz-Bunte Rinder nachhaltig beeinflusst.

Herr Simmels kleines Paradies in der Vorstadt
Bella und Klara liegen in der Abenddämmerung und genießen furchtlos die frische Luft. Für zwei Schwarz-Bunte aus dem brandenburgischen Umland haben sie sich erstaunlich gut an ihren eher ungewöhnlichen Lebensraum gewöhnt. Es erscheint mir auch noch nach einem Jahr skurril, dass es möglich ist, zwei Kühe auf einem begrünten Flachdach eines mehrstöckigen Hauses mitten in Berlin-Charlottenburg zu halten. Das war wieder eine typische Idee von Herrn Simmel, unserem Nachbarn von gegenüber. Doch eigentlich begann alles vor fünf Jahren, als Herr Simmel, ein etwas verschrobener Wissenschaftler, der auf dem Land aufgewachsen war, hier in unsere Straße zog.
--- 5 JAHRE ZUVOR ---
Der Möbelwagen kam mit quietschenden Reifen zum Stehen und ich konnte beobachten, dass mehrere Männer seltsame Apparaturen ins Haus trugen. Was das wohl für ein neuer Nachbar war, der in das dreistöckige Haus gegenüber zog? Kurze Zeit später wurde meine Neugier befriedigt: Herr Simmel war ein älterer Herr mit einer kleinen Brille und kurzen grauen Haaren, die immer ein bisschen zerzaust aussahen. Als ich drei Wochen nach seinem Einzug aus der Schule kam, war er eifrig dabei, von Baum zu Baum zu gehen und dabei möglichst unauffällig (wie er meinte) irgendetwas in das Erdrondell zu streuen. Ich beobachtete ihn eine Weile, wie er verstohlen hin und her blickte, bevor er wieder etwas streute und mit der Fußspitze verscharrte. Dann nahm ich meinen Mut zusammen und fragte ihn, was er da mache. Voller Stolz erzählte er mir von seiner Idee: Saatbomben. Dafür hatte er die Samen von vielen verschiedenen Blumen und Kräutern gemischt, um unsere Nachbarschaft noch mehr zu begrünen und einen Lebensraum für Insekten zu schaffen. Dieser Plan faszinierte mich und ich beschloss, ihm bei seinem Vorhaben zu helfen und so mischten wir in jeder freien Minute, die wir hatten, neue Saatbomben und verteilten sie heimlich in ganz Charlottenburg. Nach ein paar Wochen konnte man bereits erste Ergebnisse bewundern: Die Blumen begannen in ihrer ganzen Pracht zu blühen und wann immer man durch die baumbestandene Straße ging, hörte man es summen und brummen und es duftete nach Kräutern und Blumen. Nachdem wir damit so erfolgreich waren, präsentierte mir Herr Simmel seine neueste Idee: Er wollte Nutzpflanzen auf seinem Balkon ziehen, um sich damit selbst zu versorgen, und so kam es, dass wir in den folgenden Wochen sämtliche Gärtnereien in der Umgebung abklapperten, um uns zu informieren, welches Gemüse man zusammen pflanzen kann, welches Gemüse besonders ertragreich auf dem Balkon ist und vor allem, wie man biologisch Schädlinge bekämpft. Zuerst hatten wir auch Erfolg: Wir begrünten Herrn Simmels Balkon mit Tomaten, pflanzten Salat in Blumenkästen, setzten Radieschen, Karotten, Paprika und Salatgurken, pflanzten Kartoffeln in einen großen Kübel und ließen Zucchini am Spalier hochranken. Dazwischen platzierten wir Rosen, Lavendel und Knoblauch sowie diverse Kräuter, um mögliches Ungeziefer fernzuhalten, bis jeder Zentimeter seines Balkons besetzt war. Ich stellte fest, dass die ganze Sache begann mir richtig Spaß zu machen und ich viel mehr Zeit im Freien verbrachte. Auch konnte ich beobachten, dass wir viele unserer Nachbarn anscheinend mit dem Urban-Gardening-Fieber angesteckt hatten, denn immer mehr Balkone wurden bepflanzt und überall sah man die Nachbarn freundlich winken und grüßen und an ihrem Grünzeug rumschnippeln. Auch wurden viel mehr Gespräche auf der Straße geführt und die Nachbarschaft kam sich wieder näher. Nur einmal erlebten wir einen herben Rückschlag: Herr Simmel hatte sich in den Kopf gesetzt, Marienkäfer zu züchten, um sie als natürliche Waffe im Kampf gegen die gemeine Blattlaus einzusetzen. Jedoch lief das Experiment völlig aus dem Ruder und die Marienkäfer vermehrten sich explosionsartig, sodass wir eine regelrechte Plage in der Nachbarschaft hatten. Gut, die Läuse waren Geschichte, aber leider auch so manches Gemüse. Über die Jahre wurden wir immer kreativer und Herr Simmel baute mittlerweile so viel Gemüse an, dass er im Erdgeschoss einen kleinen, gemütlichen Laden eröffnete. Danach versuchten wir uns im Anbau von Säulenobst, welches recht gut funktionierte und das Sortiment im Laden erweiterte. Schon lange hatten die Nachbarn aufgehört, sich über Herrn Simmel und seinen Tatendrang zu wundern und kauften gerne bei ihm ein. Manchmal steuerten sie selbstgekochte Marmelade, verschiedene Öle oder Kräuterwürzmischungen hinzu, sodass es nach und nach zu einem Nachbarschaftsprojekt wurde. Eigentlich hatte ich immer geglaubt, die Bienenvölker auf dem inzwischen begrünten Flachdach von Herrn Simmels Wohnhaus wären der Höhepunkt gewesen. Der selbstgemachte Honig unserer Stadtbienen war fantastisch und fand überregional großen Anklang, wenn auch die Anfänge mit Hindernissen, wie einigen Stichen und leisem Protest einiger weniger Nachbarn (das lag vermutlich an der Marienkäferplage), behaftet waren. Doch was vor einem Jahr passierte konnte niemand ahnen: Eines Morgens hielt mal wieder ein LKW in unserer Straße. Ich hatte Sommerferien und saß mit meinem Frühstück inmitten der Pflanzen auf unserem Balkon und fragte mich, was denn nun schon wieder los sei. Ich traute meinen Augen nicht, als vier Männer aus dem LKW stiegen, die Heckklappe öffneten und zwei schwarz-weiß gefleckte Kühe an Halftern auf die Straße führten. Mittendrin stand Herr Simmel, die Haare noch zerzauster als sonst, mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Er winkte zu mir hoch und rief: „Das sind Klara und Bella, zwei Schwarz-Bunte aus dem Brandenburgischen. Komm schnell rüber, ich brauche deine Hilfe!“ Währenddessen starrte ich ungläubig auf die Szene auf der Straße und fragte mich, wo um alles in der Welt zwei Kühe in unserer Straße wohnen sollten. In der Garage vielleicht? Scheinbar ging es nicht nur mir so, denn es hatten sich mittlerweile etliche Nachbarn auf der Straße versammelt - sie schüttelten die Köpfe und schauten ungläubig. Rasch lief ich hinunter zu Herrn Simmel, der in der Zwischenzeit die Haustür geöffnet hatte, während die Männer versuchten, Klara und Bella durchs Treppenhaus nach oben zu bugsieren. Auf meine Frage, wo sie denn hinsollten, erwiderte Herr Simmel ganz selbstverständlich: „Na, aufs Dach natürlich!“ Und nach einigem Hin und Her und viel Geschiebe durchs Treppenhaus kamen sie dort auch wohlbehalten an. Anfangs waren sie etwas scheu, doch mittlerweile haben sie sich wunderbar auf dem Dach eingelebt. Die Nachbarn holen sich den Mist zum Düngen ihrer Pflanzen und seit Herr Simmel den Frischmilch-Automaten aufgestellt hat, kann man sich jeden Morgen frische Milch zum Frühstück holen. Und wenn ich aus meinem Zimmer schaue, dann habe ich einen wunderbaren Blick auf Klara und Bella, die auf dem Dach herumspazieren oder die Abendsonne genießen. Unsere Nachbarschaft ist dank Herrn Simmel wirklich ein kleines Paradies geworden und wer dies einmal sehen möchte, der sollte unbedingt in der Gartenstraße in Berlin-Charlottenburg vorbeischauen.

Maja Hermes, Heisenberg-Gymnasium Bruchsal, 9d, 2020/2021

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Maja Hermes (Foto: privat)

 
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