Flucht, Vertreibung und Einwanderung nach Ettlingen ab 1945

Wir, die Klasse 10e des Heisenberg–Gymnasiums Ettlingen, haben im Winter 2018/19 am  Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten teilgenommen. Als wir vom aktuellen Motto des Wettbewerbs erfuhren („So geht’s nicht weiter. Krise Umbruch Aufbruch“), kamen uns die Flüchtlinge in den Sinn, die ja auch eine Krise erlebt haben und aufgebrochen sind. Wir entschieden uns deshalb für das Thema "Einwanderung nach Ettlingen nach 1945“ und wollten etwas über die verschiedenen Einwanderergruppen, die in der Zeit nach  dem Zweiten Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung nach Ettlingen gekommen sind, herausfinden. Dazu verschafften wir uns Wissen in Expertengruppen und interviewten Zeitzeugen, die zu einer der folgenden Gruppen gehören: Heimatvertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, Flüchtlinge aus der DDR, Gastarbeiter aus Südeuropa und Spätaussiedler aus der UdSSR oder ihren Nachfolgestaaten. Folgende Berichte und Videos zeigen, was wir herausgefunden haben.

Die Vertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten

Situation im Herkunftsland

Die Situation in den osteuropäischen Ländern Polen, Ungarn und  der Tschechoslowakei, in denen sich die Deutschen Vorfahren niedergelassen hatten, war sehr erdrückend. Der Krieg war verloren und alle Deutschen mussten nach Deutschland auswandern oder flüchteten vor der Roten Armee.
Die Aussiedlung der Deutschen sollte auf „humane und ordnungsgemäße Weise“ geschehen. Allerdings entsprach dies nicht der Realität und bis zum Sommer 1946 fanden unkontrollierte Vertreibungen statt. Viele Menschen kamen nicht unversehrt in Deutschland an. Oft mussten sie auch ohne ihr Hab und Gut losziehen. Dass Menschen auf dem Weg starben, kam auch sehr oft vor.
Doch wie sah es in dem Land aus, das die Flüchtlinge aufnahm?

Die Situation in Ettlingen

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Ettlingen fast unzerstört. Während des Krieges waren schon viele Flüchtlinge in Ettlingen aufgenommen worden. Auf so viele Flüchtlinge war Ettlingen aber nicht vorbereitet. Es gab zu wenig Wohnraum und zu wenige Arbeitsplätze. Ettlingen war überfordert. Nach einer Statistik sind in den Kriegsjahren (1939-1945) 14.387 Flüchtlinge nach Ettlingen gekommen. Für kurze Zeit sollten die Flüchtlinge in Schulen und in Räumen des Schlosses wohnen. Rasch entstanden Flüchtlingssammellager bzw. Massenlager. Auch in der Ettlinger Spinnerei und in ehemaligen Zwangsarbeiterbarracken mussten Flüchtlinge unterkommen. Die Ettlinger Bürger versuchten die Flüchtlinge mit Sachspenden zu unterstützen. Trotzdem stellte das amerikanische Aufsichtspersonal der Flüchtlingslager mehrfach fest, dass menschenunwürdige Verhältnisse herrschten.

Karl Ruis, der Großvater einer Schülerin der 10e, berichtet über das Ende des Krieges, den Einmarsch der Roten Armee und seine Vertreibung.

 

 

Wir haben auch noch mit anderen Vertrieben gesprochen. Einer von ihnen war der 1925 in Brünn geborene Fritz Pechovsky. Er kam  zu uns an die Schule, um über seine Kindheit und Jugend zu erzählen. Als junger Mann musste er in der Wehrmacht dienen und wurde bei Kriegsende gefangen genommen. Im folgenden Interview berichtet er, wie es ihm gelang, der Gefangenschaft zu entkommen  und über die Vertreibung aus seiner Heimat.

 

 

Ein paar Schüler besuchten Anton Plank zuhause. Auch er erzählte über seine Vertreibung aus Pomáz in Ungarn  und wie er nach einem schweren Weg schließlich nach Ettlingen kam.  

 

 

Die 1933 geborene Liselotte Straub berichtet über ihre Vertreibung aus der Tschechoslowakei und die einjährige Flucht, die sie schließlich nach Ettlingen führte.

 

 

Flüchtlinge aus der DDR

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt worden, aus denen
die späteren Staaten BRD und DDR entstanden. Ostdeutschland war die Besatzungszone der Sowjetunion, die in ihrem Teil Deutschlands einen kommunistischen Staat aufbauen wollte. Im Osten wurden die Rechte und die Freiheit der Menschen stark eingeschränkt. Deshalb flohen viele in die Bundesrepublik. Um ein Ausbluten des Staates zu verhindern, stellte die DDR 1952 erste Grenzbefestigungen auf und baute 1961 schließlich die Mauer, die Berlin teilte.  Eine Gruppe hat mit dem Politikwissenschaftler und Osteuropaexperten Prof. Dr. Lic. Eberhard Schneider, dem Großvater eines der Schüler der 10e, über seine Zeit in der DDR und die Flucht im Alter von 16 Jahren gesprochen.

 

 
 

 
 

 
 

 

Gastarbeiter


„Gastarbeiter“
Unter dem Begriff „Gastarbeiter“ versteht man Leute, die wegen des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und anderen Ländern zum Zweck von Erwerbseinkommen in die BRD oder die DDR kamen.
Die Situation der Gastarbeiter in Deutschland
Um 1950 kamen die ersten Gastarbeiter in die Bundesrepublik. Das Wirtschaftswunder führte zu Arbeitskräftemangel, weshalb die Bundesregierung ein Anwerbeabkommen mit anderen Ländern abschloss. Durch den Mauerbau 1961 versiegte zudem der Strom von Flüchtlingen aus der DDR. Erst als die Wirtschaft sich um 1966 verschlechterte, fühlten sich die Deutschen in ihrem Arbeitsplatz bedroht und es wurden weniger Gastarbeiter ins Land gelassen.
Die Ausländer wollten anfangs nur für kurze Zeit bleiben, um sich in ihrer Heimat später ein besseres Leben aufzubauen. Um ihrer Familie ein akzeptables Leben bieten zu können, nahmen sie auch die schlimmen Unterkünfte, die oft lediglich einfache Holzbaracken waren, in Kauf. Da sie sowieso nicht vorhatten, länger zu bleiben, machten sich viele nicht die Mühe, die deutsche Sprache zu lernen.
Als klar war, dass die Gastarbeiter länger als geplant bleiben sollten, fingen viele an, ihre Familie nachzuholen. Da dazu auch Kinder gehörten, die sich schneller und besser anpassten, zögerte sich die Heimreise hinaus, bis die meisten beschlossen zu bleiben.
Heimatländer der Gastarbeiter
Die Gastarbeiter kamen aus ost- und südeuropäischen Ländern. Meistens waren diese zu der Zeit in einer schlechten wirtschaftlichen Lage. Die Staaten, aus denen die meisten Gastarbeiter kamen, waren die Türkei, Italien, Spanien und Jugoslawien.
Die Türkei ist hierbei das Land, das die meisten Gastarbeiter nach Deutschland schickte. Die Situation war in der Türkei damals so, dass viele Bürger nicht gebildet waren und als Landwirte arbeiteten. Aus diesen Gründen ging die Türkei das Abkommen mit der Bundesrepublik auch ein, durch das festgelegt wurde, dass türkische Bürger nach Deutschland kommen könnten, um dort die Wirtschaft zu stärken und um in der Türkei die Armut zu verringern.

Einer von ihnen, Sener Solmaz, dessen Eltern aus der Türkei kamen,  berichtet über sein Leben in der Bundesrepublik.

 

 

Wir haben auch mit Menschen gesprochen, die aus Italien nach Deutschland kamen. Hier ist das Gespräch mit  Alfredo Palermo, das wir in seinem Judo-Club geführt haben.

 

 

Doch die meisten Gastarbeiter kamen aus der Türkei. So auch die drei folgenden Interviewpartner, Frau Samurkas, Frau Azlan und Frau Özbek.

Sevgi Samurkas

 

 

Emine Özem

 

 

In einem Gespräch berichtete Hawa Özbek über die Reaktion ihrer Eltern, als sie erfuhren, dass ihre Tochter auswandern wollte und wie es ihr in den ersten Jahren in Deutschland erging.

 

 

Die Spätaussiedler

Spätaussiedler ist die offizielle Bezeichnung für Aussiedler, die ab etwa 1980 in die Bundesrepublik Deutschland gekommen sind. Sie stammen aus Polen, Rumänien, Jugoslawien, der ČSSR, der Sowjetunion oder deren Nachfolgestaaten. Seit 1950 wurden mehr als 4,5 Millionen Menschen als Spätaussiedler in Westdeutschland beziehungsweis dem wiedervereinigten Deutschland aufgenommen, davon allein ca. drei Millionen seit 1987. In ihren Heimatländern, die während des Kalten Krieges alle kommunistisch regiert waren, wurden sie als Deutsche benachteiligt und verfolgt. Ihre Familien, die oft schon vor vielen Generationen aus Deutschland nach Osten gezogen waren, passten sich oft auch dem Gastland an und verlernten teilweise die deutsche Sprache. Für die Bewohner ihre neuen Heimatländer blieben sie aber „die Deutschen“. Spätaussiedler konnten nur dann in Deutschland aufgenommen werden, wenn sie sich in ihrer Heimat zum deutschen Volkstum bekannt hatten. Zudem mussten sie ein einfaches Gespräch auf Hochdeutsch führen können.
Der Großvater eines Schülers aus unserer Klasse ist als Ende 1990 im Alter von 50 Jahren aus Russland nach Deutschland gekommen.  Hier können Sie das Interview mit Harry Krohmer sehen.

 

 

Fazit

Jede unserer Gruppen wurde sehr freundlich und herzlich empfangen, die Zeitzeugen, die daheim interviewt und gefilmt wurden, boten traditionelle Getränke und Gerichte ihres Heimatlandes an, wie zum Beispiel türkischen Tee, türkische Süßigkeiten oder türkische Pizza. Jede der Zeitzeugen war sehr offen und man musste nicht viel fragen, denn die Menschen erzählten ihre Geschichte ganz von sich allein. Trotz der Offenheit gab es immer wieder Themen, bei denen sie sehr emotional wurden und nicht mehr weiter reden konnten. Wir bekamen viele neue Eindrücke in verschiedenen Länder und Kulturen.
Am Ende stellten wir gemeinsam als Klasse fest, dass wie durch dieses Projekt nicht nur unser historisches Wissen erweitern konnten, sondern auch Einblicke in neue und unbekannte Kulturen erlangten. Wir wuchsen als Klasse noch stärker zusammen, da bei Gruppenarbeit viel Kommunikation innerhalb der Gruppe und auch außerhalb der Schule gefragt war.
Nach dem Ende des Projekts werden wir noch alle Zeitzeugen zu Kaffee und Kuchen zu uns in die Schule einladen, um mit ihnen gemeinsam das Ergebnis anzusehen und uns bei ihnen zu bedanken. Wir werden an dieser Stelle davon berichten.

Aber auch nach dem Nachmittag mit den Zeitzeugen wird unser Projekt noch nicht abgeschlossen sein. In den zwei Wochenstunden, die uns zur Verfügung standen, konnten wir vieles nur anreißen. Der nächste Neigungskurs Geschichte, wird die Videos nochmal ansehen und einige Themen vertiefen. So verdient die Frage, wie die Situation in Deutschland  war, als die Flüchtlinge und Einwanderer kamen, eine nähere Betrachtung. Auch das Thema der Ostsiedlung wurde nur gestreift und über den Wert und die Problematik von Zeitzeugenaussagen wollen wir auch noch mehr herausfinden.

Abschließend möchten wir uns auch noch bei Frau Gundula Axelsson bedanken, die uns beim Knüpfen von Kontakten zu den Zeitzeugen sehr geholfen hat und deren Buch (Geschichten vom Ankommen - Ettlinger Migrationsgeschichte 1945-1988) eine gute Quelle für die Vorbereitung der Gespräche war.
Zeitzeuge

10e

Quellen

Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten :
https://www.ndr.de/kultur/geschichte/chronologie/Flucht-und-Vertreibung,vertreibung102.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Ostgebiete_des_Deutschen_Reiches
https://www.planet-wissen.de/geschichte/deutsche_geschichte/flucht_und_vertreibung/index.html
https://www.hdg.de/lemo/kapitel/nachkriegsjahre/alltag/flucht-und-vertreibung
Gundula Axelsson - Geschichten vom Ankommen (Verlag für Regionalkultur), 2018

DDR:
https://www.bpb.de/izpb/9766/gesellschaft-und-alltag-in-der-ddr?p=all
https://de.wikipedia.org/wiki/Flucht_aus_der_Sowjetischen_Besatzungszone_und_der_DDR

Gastarbeiter:
https://de.wikipedia.org/wiki/Gastarbeiter
https://www.planetwissen.de/geschichte/deutsche_geschichte/geschichte_der_gastarbeiter/index.html
http://www.bpb.de/internationales/europa/tuerkei/184981/gastarbeit
https://www.planetwissen.de/geschichte/deutsche_geschichte/geschichte_der_gastarbeiter/index.html

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